We’ll come united! Rede von Wesam Alfarawti

Mehr als 30.000 Menschen sind gestern in Hamburg auf die Straße gegangen – gegen Rassismus und für eine solidarische Gesellschaft ohne Agst. Und auch wir waren auf der We’ll come United – Hamburg -Parade in Hamburg.

Gemeinsam mit Ruben Neubauer von Sea-Watch und Kathrin Schmid von Jugend Rettet e.V. hat Wesam Alfaratwi ( Teachers on the Road und No Border Frankfurt eine Rede zur aktuellen Situation auf dem Mittelmeer gehalten.

Hier Wesams Rede im Wortlaut:
Mein Name ist Wesam Alfarawti, ich komme aus Syrien und lebe seit Ende 2014 in Deutschland. Ich hatte selbst Flüchtlingsstatus und versuche durch meine politische Arbeit den Weg für andere Geflüchtete zu vereinfachen und gleichzeitig andere Menschen über das, was wir tagtäglich erleben zu informieren.
Ich war bis Oktober 2014 in Libyen und wurde dann auf dem Mittelmeer nach einer schrecklichen Fahrt zusammen mit 276 Menschen von einem Holzboot gerettet.
***Weil die Fahrt mich kaputt gemacht hat und ich mich schuldig fühle, für die Menschen, die die Fahrt nicht überlebt haben, habe ich mich entschieden nicht aufzugeben und tatenlos zuzusehen, sondern anderen Menschen zu helfen und aktiv zu werden*****

Ich denke, dass es unsere Pflicht ist, Menschen nicht ertrinken zu lassen und helfe wo ich nur kann. Ich begebe mich auf die offene See, weil ich genau weiß, was es für Menschen , die in einem Boot sitzen, bedeutet Hilfe zu bekommen.
Alle erleben die schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens in Libyen, sie werden dort versklavt und für ein paar 100 Dollar verkauft. Viele Frauen erzählten uns, wie oft sie sexualisierte Gewalt erlitten haben. Wenn man dort ist, wünscht man sich zu sterben, weil das die Erlösung von dieser Hölle bedeutet.
Dort gibt es keine Regierung und keine Gesetze mehr. die Menschen sind völliger Willkür ausgeliefer
Ich war so froh, als ich raus war, noch mehr als wir auf dem Mittelmeer gerettet wurden. Die 14 Stunden fühlten sich an wie 14 Tage und Wochen.

Eigentlich wäre das die Aufgabe der Europäischen Staatengemeinschaft gewesen.

2015 rettete die EU selbst noch Menschen in Seenot, heute verhindert sie dagegen aktiv selbst die private Seenotrettung. Initiativen, ihre Schiffe und Crews wie Sea-Watch, Yuventa oder Lifeline werden am Auslaufen gehindert oder wurden beschlagnahmt.

Aufgrund dieser massiven Unterdrückung von Mitmenschlichkeit und Engagement und des Zynismus‘ in Diskursen um Werte, während gleichzeitig Tausende Menschen ertrinken, versuchen wir in allen Richtungen aktiv zu bleiben.

Seit Fünf Tagen sind keine privaten Seenotrettungsschiffe mehr in Richtung Mittelmeer in See gestochen . In der Zeit, in der die EU alle Routen nach Europa schließt, fehlen uns viele Menschen, die mit uns gemeinsam die Welt ein kleines Stück verbessern könnten. Wir müssen in dieser Zeit alle sehr laut sein, aufstehen und aktiv werden, um das Sterben zu stoppen.
Damit das gelingen kann, müssen Bündnisse wachsen und stärker werden. Es ist gut, dass die Kirchen dazu aufgerufen haben, das Sterben auf dem Meer zu beenden. Wir müssen aber vor allem auch den Druck auf die Europäische Union erhöhen. Es liegt in der Verantwortung der EU Fluchtursachen zu bekämpfen, statt dessen scheint sie ihre selbst auferlegten Werte mit Füßen tretend Menschen auf der Flucht zu bekämpfen. Damit sich für die vielen Festsitzenden endlich etwas tut und alles dafür getan wird, Menschen in Seenot zu retten, müssen Menschen aktiv werden und ihre Politiker*innen daran erinnern in was für einer EU sie leben möchten.

Mit dieser Arbeit möchten wir auch gegen das Gefühl der Ohnmacht ankämpfen, dass sich angesichts der Teilnahmslosigkeit der europäischen Staaten in Teilen der Flüchtlingsbewegung eingestellt hat. Die Öffentlichkeit muss über die Situation der Geflüchteten informiert werden. Man hat versucht die gesamte Seenotrettung zu kriminalisieren. Man hat behauptet, sie würden mit Schleusern zusammenarbeiten, dabei retten wir Menschen vor dem Tod.

Es macht traurig, aber auch wütend das alles zu wissen und zu hören, wie Regierungen behaupten, sie verhandelten mit einer libyschen Regierung und es ginge noch irgendwo um den Schutz von Menschenrechten. Die Wut gibt mir Kraft, mich weiter dafür einzusetzen, dass sich die Verhältnisse verändern, dass wir friedlich und zum Wohl aller zusammenleben und, dass Menschen, die Schutz benötigen, diesen auch bekommen. Darum: „Yallah!“ – jetzt alle zusammen!

 

 

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