Redebeitrag der Teachers on the road Ludwigshafen auf der Kundgebung gegen Rassismus am 8. Februar 2015

Hier können Sie den Redebeitrag herunterladen: https://www.nksnet.org/wp-content/uploads/2015/02/rede-ludwigshafen-08-feb-2015.pdf

Teachers on the Road ist ein Projekt von Freiwilligen, das sich direkt an die einsamsten und am meisten vernachlässigten Menschen wendet, die momentan bei uns leben: die Flüchtlinge. Ich sage bewusst „bei uns“ und nicht „in unserer Mitte“, denn ich könnte auch sagen „abseits von uns“, da sie hier isoliert und ohne Kontakt zur Bevölkerung untergebracht werden, oft monatelang in haftähnlichen Zuständen, wie Gefangene in abgeschotteten Heimen und ohne Zugang zu Deutschkursen.

Wir Teachers on the Road durchbrechen ihre Isolation, indem wir auf sie zugehen und sie in Deutsch unterrichten; damit schaffen wir für sie eine Grundvoraussetzung für Leben und Integration in Deutschland, da wir uns als Bürger eines sehr reichen Landes in der Pflicht sehen, Menschen Schutz zu gewähren und sie nicht abzuschieben. Mit unserer Arbeit schließen wir eine riesengroße Lücke, denn von staatlicher Seite gibt es in den ersten Monaten des Asylverfahrens kein Angebot zum Spracherwerb.

Ich möchte kurz beleuchten, was das für Menschen sind, aus was für einem Leben sie kommen, wie sie hier leben; und, was wir dabei für eine Rolle spielen: Die Menschen, die wir hier in Ludwigshafen unterrichten, kommen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten verschiedener Länder, in denen Krieg herrscht. Wir unterrichten z. B. einen Mann, der ein florierendes Textilunternehmen besaß und mit Stoffen Großhandel betrieb, einen anderen, der einen Supermarkt führte; einen Schreiner, einen Arzt, einen hochmotivierten Krankenpfleger, einen Apotheker, einen Biologen, und auch Jugendliche, die wegen des Krieges aus der Schule gerissen wurden.

Diese Menschen hatten ein schönes Leben in einem schönen Land, einen sicheren Beruf, ein gutes soziales Umfeld, eine Wohnung, ein Haus; sie haben ein ganz normales Leben geführt. Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat, seinen sicheren Beruf, sein Geschäft, seine Praxis und seine Freunde, um in ein Land zu gehen, dessen Sprache er nicht spricht. Diese Menschen sind teilweise hoch traumatisiert; sie haben Familienangehörige tot und zerfetzt daliegen sehen; Häuser durch Bomben zusammenstürzen, Leichen am Straßenrand. Krieg. Ihre gesamte physische Existenz wurde oftmals weggebombt. Wir können uns hier in unserer Blase aus Wohlstand und Frieden gar nicht mehr
vorstellen, was es bedeutet, wenn eine Existenz vernichtet wird, alles, alles durch Waffengewalt zerstört ist, und nichts übrigbleibt als das blanke Leben. Diese Menschen werden hier nach ihrer Ankunft in völlige Isolation und Untätigkeit gezwungen. Sie sind zum Nichtstun verdammt – 24 h täglich, 7 Tage die Woche, Monate, oft mehr als ein Jahr –, ein unerträglicher Zustand, der zu Depression und dem totalen Verlust von Lebensmut führt. Die extrem lange Wartezeit bis zur Anerkennung als Flüchtling dauert mindestens 6 Monate, oftmals über ein Jahr. Sie wird zu leer verstreichender Lebenszeit, die mit nichts Nützlichem gefüllt werden kann, in der Talente nicht gepflegt und aufgebaut werden, sondern verkümmern. Das Warten stellt eine unvorstellbare psychische Belastung dar, zumal keine Minute vergeht ohne die zermürbende Angst, zurück in den Krieg abgeschoben zu werden.

Wir Teachers on the Road helfen, diese Zeit mit Nützlichem zu füllen. Der von uns auf ehrenamtlicher Basis angebotene Deutschunterricht ist leider die einzige Möglichkeit, dem sinnlosen Verstreichen von Lebenszeit im Flüchtlingsheim auf wenige Stunden zu entkommen. Hier in Ludwigshafen haben wir es mittlerweile geschafft, drei Mal in der Woche zu unterrichten. Es wäre schön, wenn unser Projekt Förderung von politischer Seite bekäme. Wir gehen auf Menschen zu, die alles verloren haben außer ihrer oftmals hervorragenden Ausbildung und ihrem rein menschlichen und intellektuellen Potential, das die deutsche Gesellschaft dringend nötig hat. An dieser Stelle möchte ich noch einmal für ein akutes Problem um Ihre volle und ungeteilte Aufmerksamkeit bitten: Wenn diese Menschen endlich als Flüchtlinge anerkannt sind, dann haben sie auf dem deutschen Wohnungsmarkt keine Chance, weil kaum jemand seine Wohnung an Flüchtlinge vermieten will.

Wir Teachers on the Road wissen: Diese Menschen wollen die besten Nachbarn sein, unsere Sprache lernen und arbeiten. Ich appelliere ganz ehrlich und aus tiefstem Herzen an Sie: Liebe Vermieterinnen und Vermieter und alle Wohnungsbesitzer:geben Sie diesen Menschen eine Chance! Setzen Sie ein Zeichen! Vermieten Sie an Flüchtlinge! Und nun, liebe Freunde einer bunten deutschen Gesellschaft:

Machen Sie mit, setzen Sie sich ein, fordern Sie von der Politik ein Ende der Isolation von Menschen!

Hier können Sie den Redebeitrag herunterladen: https://www.nksnet.org/wp-content/uploads/2015/02/rede-ludwigshafen-08-feb-2015.pdf

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